Interview - was Sie schon immer von Rainer Löffler wissen wollten

Interview: Literaturtest

 

Ihr beruflicher Lebensweg liest sich sehr ungewöhnlich. Sie haben als Supermarkt-Filialleiter gearbeitet und für MAD geschrieben, als Industriemechaniker Ihr Geld verdient und für „Perry Rhodan“ u. a. den „Altan“-Roman geschrieben. Heute sind Sie Facheinkäufer eines Anlagenbauers und legen nun Ihr Krimidebüt „Blutsommer“ vor. Sie scheinen zwischen seriöser Karriere und kreativen Projekten hin- und hergerissen – oder verbinden Sie so einfach die vielen Talente, die in Ihnen schlummern?  

 

Rainer Löffler:    

Sie haben den Tankwart vergessen. Ja, meine berufliche Laufbahn war anfangs nicht unbedingt geradlinig. Aber wenn man bedenkt, dass ich seit inzwischen 23 Jahren bei derselben Firma arbeite und bisher immer nur nebenher geschrieben habe, dann klingt das vermutlich ein wenig zielstrebiger. Heute weiß ich auch, dass nichts, was man im Leben lernt oder mal gemacht hat, ohne Nutzen ist. Jedes Wissen und jede Erfahrung kann man irgendwann einmal gebrauchen, besonders wenn es um Menschen geht. Ich würde daher sagen, dass ich die Sicherheit eines normalen Berufs schätze, aber darüber hinaus noch ein Ventil brauche, um meine ausgeprägte kreative Ader auszuleben.

 

Frage:

„Blutsommer“ ist Ihr Thrillerdebüt – was bedeutet Schreiben für Sie, das Schreiben eines Buches?

 

Rainer Löffler:                                                                                                    

Schreiben ist für mich die beste Art, mein Gehirn anzustrengen und gleichzeitig etwas Einmaliges und Schönes zu erschaffen. Das ist ein bisschen so wie den lieben Gott spielen – für einen Menschen ein zutiefst faszinierender und befriedigender Vorgang.

 

Frage:

„Blutsommer“ ist ein richtig harter Thriller um einen psychopatischen Serienmörder, den „Herr der Puppen“. Wie fand die erste Idee dazu zu Ihnen und wie haben Sie die Geschichte weiterentwickelt?  

 

Rainer Löffler:                                                  

Ich habe schon immer viel und am liebsten spannende Geschichten gelesen. Am meisten faszinierten mich dabei Romane, in denen die Abgründe der menschlichen Psyche im Mittelpunkt standen. Das lag vermutlich daran, dass die Welt, in der wir leben, auch keine heile Welt ist, sondern oft genug geprägt wird von seelisch kranken Menschen und deren Handlungen. Als ich Das Schweigen der Lämmer las und mit den damals aktuellen Zeitungsberichten z.B. von Marc Dutroux verglich, wurde mir klar, was ich schreiben wollte – einen spannenden Roman, der aber einen möglichst realitätsnahen Kern haben und in Deutschland spielen sollte. Und wer beim Lesern von Blutsommer meint, dass es so etwas in Wirklichkeit nicht gibt, den muss ich belehren: Die Wirklichkeit ist noch viel grausamer, als es sich ein Thriller-Autor ausdenken könnte.

 

Frage: 

Sie haben bisher zwar auch für MAD oder „Perry Rhodan“ geschrieben, aber ein Buch ist doch etwas anderes. Wie schwer oder leicht fiel Ihnen diese Art des Schreibens?   

 

Rainer Löffler:                                                                                                              

Stimmt, ein komplett selbst ausgedachter Roman mit 500 Seiten ist eine andere Liga als das, was ich davor geschrieben hatte. Allein schon die Rechercheaufwände waren unglaublich. Aber wenn man authentisch und realitätsnah über Serienmörder schreiben will, kommt man eben nicht umhin, sich ausführlich mit der Spurensicherung, der Abteilung für Fallanalyse, der Mordkommission und der Gerichtsmedizin in Köln und natürlich Forensikern zu unterhalten. Beim Schreiben selbst gab es Punkte, die mir leicht fielen (der Aufbau einer spannenden Handlung, das Hineinversetzen in die Figuren, die Frage, wie man bei den Lesern das Kopfkino am besten auslösen kann...), aber auch richtig harte Nüsse. So bin ich nicht unbedingt ein Schnellschreiber, da musste ich echt an mir arbeiten. Glücklicherweise ist Schreiben zum großen Teil ein Handwerk, das man lernen kann. Wie sagte schon Thomas Alva Edison: „Genie ist 1% Inspiration und 99% Transpiration.“ Da ist was dran.

 

Frage:

Ihr Fallanalytiker Martin Abel ist ein harter Brocken – vor allem, was den Umgang mit Kollegen angeht. Der Einzelgänger hat das Zeug zur Kult-Ermittlerfigur – wie haben Sie zu dieser Figur gefunden und was schätzen Sie an ihm, was eher nicht? 

 

Rainer Löffler:                                                                                                 

Auch hier habe ich versucht, mich von der Realität inspirieren zu lassen. Bei meiner Recherche bin ich tatsächlich auf Polizisten gestoßen, denen der Beruf bzw. der Umgang mit Gewalt und Tod schwer zu schaffen macht, woraus oft familiäre Probleme resultieren. Wenn sie ihre Fälle lösen wollen, bleibt ihnen trotzdem nichts anderes übrig, als sich immer wieder in die kranken Gedanken von Straftätern hineinzuversetzen. So eine innerlich zerrissene Figur fand ich viel spannender als einen Super-Kommissar, der über den Dingen steht.  

                                                                                  

An Martin Abel gefällt mir schon mal, dass er mit seinem Gewicht genauso erfolglos hadert wie ich. Menschen mit Schwächen sind einfach sympathischer als fehlerlose Übermenschen. Darüber hinaus offenbart der grobe Klotz Martin Abel ungeahnte Feinfühligkeit, wenn es um den Umgang mit Opfern oder deren Angehörigen geht. Niemand hat hier so feine Antennen wie er, eine Fähigkeit, die für ihn aber oft genug auch zur Last wird. Was ich persönlich an so einem Menschen unsympathisch finden würde, wäre seine Unfähigkeit zur Kommunikation. Wie will man mit jemandem klar kommen, der nicht mit einem redet?

 

Frage: 

Sie stellen dem eher asozialen Abel die junge und natürlich attraktive Ermittlerin Hannah Christ an die Seite. Für Abel eine Katastrophe – er will alleine auf „Jagd“ gehen und hat auch sehr eigenwillige Methoden, sich in die jeweiligen Täter einzufühlen. Verraten Sie uns mehr darüber, wie es mit Hannah und Abel in „Blutsommer“ weitergeht?

 

Rainer Löffler:                                                             

Da darf ich jetzt natürlich nicht zu viel verraten, aber so viel sei gesagt: Beide werden sich arrangieren müssen und beide werden voneinander profitieren.

 

Frage: 

Viele Autoren erzählen, dass sich Figuren während des Schreibprozesses verändern, ein Eigenleben entwickeln. Ging es Ihnen auch so und wenn ja, bei welcher Figur - was passierte, veränderte sich?    

 

Rainer Löffler:                                                  

Selbstverständlich war das auch bei mir so – den Autor möchte ich sehen, der schon vor dem Start sämtliche Eigenheiten seiner Charaktere kennt. So gewannen z.B. Martin Abels weiche Seite, aber auch sein familiärer Hintergrund während des Schreibens an Bedeutung.

 

Frage: 

Sie arbeiten als Facheinkäufer und haben Familie. Wie schaffen Sie sich Zeit für das Schreiben, wann schreiben Sie, wo und womit? Wie stimmen Sie sich auf das Schreiben ein oder müssen Sie das nicht? 

 

Rainer Löffler:                                             

Ja, das mit der Zeit zum Schreiben ist eines meiner großen Geheimnisse, manchmal wundere ich mich selbst, woher ich die nehme. Aber die Antwort auf Ihre Frage ist trotzdem ganz einfach: Ich schreibe bei jeder sich bietenden Gelegenheit, vor allem aber abends nach 21 Uhr und am Wochenende, zuhause mit meinem Laptop, manchmal bei laufendem Fernseher und wenn die Kinder um mich herumtoben, meistens aber im stillen Kämmerlein. In die optimale Schreibstimmung komme ich meistens ganz schnell, wenn ich jeden Tag am Roman arbeite.

 

Frage: 

Wer bekam den fertigen „Blutsommer“ als Erstes zu lesen? Ihre Frau, ein Freund? Mit wem besprachen Sie sich während des Schreibens – wer las zwischendurch gegen?        

 

Rainer Löffler:                                                                                                 

Zwischendurch hat meinen Roman niemand zu Gesicht bekommen – da hätte ja jemand Kritik an mir und meinem Vorhaben üben können! Den ersten, kompletten Entwurf habe ich zwei oder drei Freunden gegeben, von denen ich wusste, dass sie viel und gern Thriller lesen. Danach bekamen es dann auch schon die ersten Agenturen in die Finger - die sich heute möglicherweise über ihre Absagen ärgern. Aber ich will nicht undankbar sein, ich habe aus jeder Kritik etwas gelernt. Die Fähigkeit, Kritik ertragen zu können, ist ohnehin die halbe Miete, wenn man als Schriftsteller Erfolg haben will

 

Frage: 

Das Genre Krimi und Thriller boomt seit einiger Zeit sowohl im Fernsehen als auch auf dem Buchmarkt. Warum haben Sie sich für dieses Genre entschieden? Was genau fasziniert Sie daran und wie erklären Sie sich die Faszination so vieler Menschen für Mord und Totschlag?

 

Rainer Löffler:                                                 

Wie bereits weiter oben gesagt, habe ich schon immer gern spannende Geschichten gelesen. Und da man am besten über ein Thema schreiben sollte, bei dem man sich auskennt, fiel die Entscheidung leicht. Speziell über Serienmörder schreibe ich unter anderem auch deshalb, weil mir aufgefallen war, dass es damals aus meiner Sicht keine in Deutschland handelnden und realitätsnahen Serienmörderkrimis gab. Eine Lücke, die ich unbedingt schließen wollte.

Ich bin sicher, dass alle Menschen von Themen wie Tod und Gewalt fasziniert sind, weil es eigentlich Un-Themen sind – Dinge, über die man normalerweise nur ungern redet, obwohl sie ständig präsent sind. Wenn dann jemand darüber schreibt und man das dann in Ruhe zuhause lesen kann, verliert man diese Scheu und kann sich endlich damit auseinandersetzen. Auch für mich war es während der Recherche daher nicht nur abscheulich, sondern gewissermaßen auch lehrreich zu lesen, wie echte Serienmörder ticken.

 

Frage: 

Lesen Sie Thriller/Krimis von Kollegen und wenn ja, wer zählt zu Ihren Favoriten? 

 

Rainer Löffler:   

Bedauerlicherweise lese ich aus Zeitmangel deutlich weniger, seitdem ich schreibe. Aber wer mir meistens gut gefällt, sind Jo Nesbo und Hakan Nesser. Ansonsten lese ich lieber einen guten, alten Roman ein fünftes Mal als einen neuen, von dem ich nicht weiß, ob er etwas taugt.

 

Frage: 

Wie sehen Ihre weiteren Buchpläne aus? Gibt es neue Ideen, vielleicht auch für ein anderes Genre?   

 

Rainer Löffler:                                                                               

Ich bleibe dem deutschen Thriller im Allgemeinen und Martin Abel im Speziellen sicher noch eine ganze Weile verbunden. Erstens ist zu mehr gar keine Zeit, zweitens hat die Figur noch Potential für viele Bücher. Ich hoffe, Martin Abel und die Leser sehen das genauso.